Großer Schatz

Berlin Friedrichshain, super super trendy.

Blick auf das Wasser, Sonne auf der Terrasse, Sonne in allen Herzen. 80%iger Marktanteil von Ray-Ban, Männlein wie Weiblein. Für den Vertriebstrainer Sebastian Kattner genau der richtige Platz, um einmal ganz entspannt mit der kleinen Tochter ein Eis zu genießen.

Rechts wird Französisch gesprochen, links natürlich Englisch, wie gesagt, Ray-Ban verbindet uns dann am Ende alle wieder. Hübsch sind sie, die Menschen hier – und so super super trendy…

Egal, Hauptsache meine kleine Tochter hat Spaß hier und bekommt ihr seit 60 Minuten lautstark eingefordertes Schokoladeneis. Jetzt gelangen wir ungebremst zur Problemstellung: Vielleicht aufgrund unzählbarer traumatischer Erlebnisse, vielleicht aus innerer Intuition, vielleicht auch nur, um nicht in traurige Kinderaugen schauen zu müssen sorgt der Trainer vor und erkundigt sich bei der Kellnerin, ob es hier auch Schokoladeneis für die Kleinen gibt.

Die Grundstimmung war hier hoffnungsvoll, da Kattner in der Karte den „Großen Schatz“ entdeckt hat: Zwei nicht näher definierte Kugeln Eis mit Smarties für fünf Euro neunzig. – Da kann man ja mal nachfragen.

Gesagt getan: „Haben Sie hier auch Schokoladeneis?“  – Bäng, die Frage schlug ein wie eine Granate bei der trendy trendy Kellnerin. „Du kannst das Eis von der Karte bestellen“, war die Antwort.

Vor fünf Jahren hätte ich an dieser Stelle das Skalpell ausgepackt und die Aussage der jungen Dame in Scheibchen geschnitten. Doch der Vertriebstrainer hat gelernt in all diesen Jahren, teils freudig, meistens jedoch unter großen Schmerzen Erfahrungen gesammelt und (teilweise) verarbeitet.

Kattner im Jahre 2014: „OK, bestelle ich gerne, wenn die beiden Kugeln Schokoladeneis sind“. Es spielt an dieser Stelle keine Rolle, dass die Kleine nur EINE Kugel haben soll, dass Smarties jetzt auch des Guten zuviel sind – all das ist Schall und Rauch, hier geht es um elementare Dinge.

„Na, Schokolade eher nicht, das wird wohl Vanille sein, vielleicht auch Erdbeere.“

Bickkontakt.
Stille.
Erwartungsschwangere Spannung.
Hilflosigkeit.
Trendy trendy.

Hoffnung wächst als zartes Pflänzchen, da „Erdbeere“ eine tragbare Alternative sein kann, ohne dass meine Tochter eskaliert und aus dem Laden Kleinholz macht.

„Sie sagten VIELLEICHT – wenn es Erdbeere gibt dann nehme ich den „Großen Schatz“ gerne!“
„OK“, sagt sie.

Sonne. Blick auf das Wasser. Französisch. Englisch. Hier muss man also sein. Die Zeit vergeht und der innere Friede wächst und gedeiht, das innere Metronom gibt das gleichmäßige Tempo im Adagio vor. Das muss also die vielbeschriebene Entschleunigung sein…

Was dann kommt und serviert wird vom männlichen Pendant der trendy trendy Kellnerin ist mit Worten schwer zu beschreiben: Meine schwachen tränenunterlaufenen Augen registrieren zwei kleine Eiskugeln der Sorte Vanille, die mit zwei Händen voll Smarties exekutiert wurden. Um dieses Massengrab zu vollenden hat der Täter links und rechts zwei kleine Hügel mit Spritzsahne entstehen lassen, wahrscheinlich um den gefallenen Eiskugel-Opfern eine „Ruhe in Frieden“ – Aussicht zu gönnen.

Aber dies ist wieder zu detailliert, wir müssen uns auf die elementaren Dinge konzentrieren: „Das ist Vanille und keine Erdbeere.“ – Die Pupillen des Kellners weiten sich, nicht aufgrund peinlicher Berührung sondern weil er die deutsche Sprache nicht versteht. Randbemerkung: Wie er da so schaut und langsam den Kopf nach rechts neigt, um wie bei der sich ergebenden Tigerin die Halsschlagader für den tödlichen Biss frei zu legen – das ist schon wirklich trendy.

„I’ll get my colleague.“ – Und weg war er. Zwei Minuten später materialisierte sich die junge Dame am Tisch, der Weg schien ihr schwer gefallen zu sein, weil ihre Stimmung zu der Begräbnis-Situation auf dem Eisbecher meiner Tochter passte – wie gesagt, irgendwann ist alles wieder vereint und stimmig in Friedrichshain…

„Das ist Vanille und keine Erdbeere.“ – Schönes Ding, schlicht und präzise.
„Ich habe Ihnen doch gesagt, dass wir VIELLEICHT Erdbeere haben, es aber auch Vanille sein kann.“

Verständnisgräben können nicht größer sein, Empathie, das „Sich-in-den-anderen-Hineinversetzen“ war hier so realistisch wie die Überlebenswahrscheinlichkeit eines Schneemanns im Hochofen.

„Und ich habe gesagt, dass ich den „Großen Schatz“ gerne nehme, wenn es Kugeln der Sorte Erdbeere sind.“
Jetzt hätte ich John F. Kennedy gebrauchen können, weil die Reaktion des Ray-Ban Testimonials an die explosive Stimmung zur Zeit der Kubakrise erinnerte.
„Ich habe ihnen doch gesagt, dass ich „Erdbeere“ nicht sicher zusagen kann.“

An diesem Punkt wird es jetzt immens wichtig für Sie als Leser: Kurze taktische Pause, Luft holen und dann meine Frage:
„Und jetzt?“ – Für mich mittlerweile eine Zauberfrage.

Kurz raus aus der konkreten Situation, weil es einfach zu bedeutsam ist.
Ich empfehle Ihnen: Wenn Sie in einer derartigen Situation stecken, stellen Sie bitte genau diese Frage! Sie müssen dann nur noch die unweigerlich folgende Stille ertragen, denn die wird auf jeden Fall eintreten. All diejenigen, die zukünftig in vergleichbaren Situationen mit dieser Frage auftrumpfen, sind meine ausgesprochenen Helden, da sie nicht müde werden in dem heroischen Unterfangen, den Kommunikationspartner in die Reflexion zu treiben.

Stille.
Steigende Temperatur.
Gedanken an Kuba.

„Gut, dann kann ich mir jetzt überlegen, ob ich meiner Tochter jetzt Vanille für Erdbeere verkaufe oder ob ich das Eis samt IKEA-Keramik-Becher direkt in die Spree schmeiße.“

Jetzt war der Ring frei: „Wie gesagt, ich hatte Ihnen…“
„Jetzt lassen Sie uns wenigstens die Sonne genießen!“
„Warum werden Sie denn jetzt so pampig??“

Nochmals BÄNG, diesmal allerdings in meinen Bug. Taumelnd, sprachlos, verwirrt und nach Orientierung, nein: FASSUNG suchend erwäge ich, zum ultimativen Gegenschlag auszuholen.

Da war sie allerdings schon wieder weg.

Fünf Euro neunzig. Für Vanille, nicht Erdbeere. Ruhe in Frieden.

Der Laden wird auch heute wieder rammelvoll sein. Und wahrscheinlich noch mehr trendy als gestern. Mit einer Nacht Abstand bin ich dankbar, da ich ein gutes Beispiel für meinen Aufruf ans Kommunikationsvolk habe: STELLT DIE ZAUBERFRAGE: „Und jetzt?“

Vielen Dank an Ray-Ban für die kooperative Bereitstellung der Zielgruppe. Und ein ausdrücklicher Dank an das Wetter, ohne das diese Erfahrung wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre…

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